Spießbürger und Spaßbremsen

Es ist schon seltsam, man möchte den Eindruck gewinnen, dass liebgewordene Traditionen oder angestammte Einrichtungen heutzutage nichts mehr wert sind, und grundsätzlich hinter dem Interesse Einzelner zurückzustehen haben.

So geschehen dieser Tage in meiner Wahlheimatstadt: Dort gibt es seit geschlagenen 47 Jahren ein Glockenspiel an der Hausfassade eines stadtbekannten Juweliergeschäfts, das jahrein-jahraus mit jahreszeitlich passend gewählten Weisen sechsmal am Tag die Stunde schlug. Schlug, richtig. Denn nun wurde es offenbar einer Anwohnerin zuviel. Sie führte Beschwerde über den Lärm, es wurde gemessen und tatsächlich wagten es besagte Glocken, die zulässige „Lärmbelästigungsgrenze“ um 2dB zu überschreiten.

Jeder, der sich mal ein wenig mit Immissionsschutzmessungen auseinandergesetzt hat, weiss zur Genüge, wie stark Ergebnisse solcher Messungen von den tagesaktuellen und örtlichen Gegebenheiten abhängig sind. Das ist aber nicht das Hauptproblem. Vielmehr ist es hier die fehlende Courage und das noch viel mehr fehlende Traditionsbewusstsein einer Stadtverwaltung, hier vielleicht einfach einmal Gesicht zu zeigen und nicht blind angesichts des erstbesten Messergebnisses vollendete Tatsachen zu schaffen – die da bedeuten, dass die Glocken fürderhin zu schweigen haben! Beeindruckend ist die Einräumung der Stadt, dass man „von sich aus nie aktiv geworden wäre“ – ist das jetzt eine Entschuldigung oder doch eher ein Armutszeugnis? Eigeninitiative gibt’s nicht? Hmm…

Zwar kenne ich die gute Frau nicht, die über besagten Lärm Klage führte. Auch vermag ich nicht zu beurteilen, welche Gespräche zwischen Stadt, Anwohnerin und Betreiber der „Lärmquelle“ geführt wurden. Ich wage aber zu behaupten, in erster Linie zu wenige.

Bottrop ist mit dieser Geschichte ja leider beileibe kein Einzelfall sondern nur einer, der mir zufällig gerade ins Auge sticht und mich auf dieses Thema bringt. Schon vor vielen Jahren erregte ein ähnlich gelagerter Fall viel Aufsehen in meiner alten Heimat Soest. Dort gab es einen seit vielen Jahren etablierten Biergarten einer Traditionsgaststätte, und nur auf Betreiben eines neu zugezogenen Anwohners wurde der Inhaber verdonnert, den Biergartenbetrieb zur besten Jahreszeit prinzipiell um 22:00h zu schließen – keine Option auf lärmmindernde Maßnahmen oder ähnliches, einfach Schließung. Auch das, und vor allem auch damals leider schon kein Einzelfall.

Es gab mal eine Zeit, da galten zwar auch schon Grenzwerte und gesetzliche Regelungen – es gab aber auch sowas wie ein Gewohnheitsrecht, und wenn eine bestimmte Sache nur lange genug etabliert war, hatte irgendein „Zugereister“ relativ schlechte Karten, daran irgendetwas ändern zu wollen. Wäre ja auch noch schöner. Wenn ich mir einen neuen Wohnsitz suchen würde (was ich Gott sei dank nicht vor habe), müsste ich mir doch auch denselben intensiv anschauen, was auch die Beurteilung der Umgebung (einschließlich potenzieller Belästigungsquellen) einschließt. Ziehe ich dann trotzdem ein, muss ich mit dem leben, was ich da vorfinde.

Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich in eine traditionsreiche deutsche Stadt mit z.B. historisch wertvollem Rathausglockenspiel ziehen würde, und wollte als Neubürger dasselbe stillegen lassen. Über die immer wieder aufkommenden Klagen gegen Kirchenglocken wollen wir da gar nicht nachdenken. Wo bitte ist dieses Land hingekommen?

Mindestens ebenso schlimm ist, dass ja sogar „Alteingesessene“ hervorragend in der Lage sind, spontanen Ärger durch völlige Ausblendung ihres Langzeitgedächtnisses (gesunden Menschenverstand schließe ich in diesem Kontext von vornherein aus) zu unterfüttern. So geschehen bei einem Kindergarten in einem Wohngebiet, an dem eine langjährige (und mittlerweile entsprechend betagte) Anwohnerin regelmäßig für Kopfschütteln sorgte, indem sie sich über spielende Kinder beschwerte. Wie diese überhaupt das Ärgernis schlechthin sein müssen – vor allem für diejenigen, deren Renten sie gelegentlich bezahlen sollen. Ausgesprochen ermutigend.

Ich kann es nicht vermeiden, auch hier wieder den Brückenschlag zur Migrantendebatte zu finden: Von unseren lieben Einwanderern erwartet jeder, die oben genannten Beschwerdeführer zweifelsfrei eingeschlossen, dass sie sich an unsere Gegeben- und Gepflogenheiten anpassen und uns als die, „die zuerst hier waren“, respektieren. Wenn aber ein „Nichtmigrant“ zuzieht und auf den Putz haut, knicken sofort alle verantwortlichen Stellen ein, denn – oh jemine – derjenige könnte ja vor Gericht ziehen und am Ende noch… recht bekommen! (Auf die Idee, dass auch Richter gelegentlich Traditionen und Gewohnheitsrechte erkennen und unterstützen, kommt in dem Zusammenhang scheinbar niemand) Ich frage mich gerade, ob ein Einwanderer in seinem deutschen Wohngebiet eine Chance hätte, gegen Kirchenglocken zu klagen? (Klagen könnte er, aber wohl nicht gewinnen). Den Gedanken des umgekehrten Falles mag ich nicht zu Ende führen…

Wobei – eigentlich ist unser System ja doch genial. Ich wohne seit 14 Jahren in Steinwurfweite einer vielbefahrenen Einfallstraße und – noch besser – der Autobahn. Wenn ich im Sommer auf der Terrasse sitze und der Wind steht günstig, würde ein Messgerät bestimmt hochinteressante Ergebnisse liefern. Warum fordere ich nicht einfach mal die Behörden auf, ein Tempolimit auf der Autobahn einzusetzen, die durch unsere Straße führende Bedarfsumleitung zu verlegen (und dabei gleich Tempo 30 und Radarkontrollen zu installieren) und auf der Einfallstraße die Grüne Welle so umzuschalten dass der Verkehr auf Kriechgeschwindigkeit runtergeht? Und weil’s soviel Spaß macht, müsste ich meinem Nachbarn noch Hühner- und Ziegenhaltung verbieten lassen damit auch richtig Ruhe herrscht. Bleibt dann nur noch das unerträgliche Gebrüll der Vögel…

Armes Deutschland!

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2 Kommentare zu Spießbürger und Spaßbremsen

  1. Suriel sagt:

    Oh man, ich könnte mir gar nicht vorstellen, wenn in der Dortmunder Innenstadt die Glöckchen am Glockenspielhaus nicht mehr bimmeln würden

  2. Gereon sagt:

    Siehst Du – und jetzt stell Dir vor ich nähm‘ mir da ’ne Wohnung und würde eine Eingabe bei der Stadt machen, dass das Gebimmel zu laut ist. Die würden mir doch diesen hier zeigen… (Du weisst welchen 😉 )

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