Rücksicht, Vorsicht, Einsicht?

Manchmal, wenn man schon glaubt, das wird nichts mehr, setzt bei einigen Leuten doch noch späte Einsicht ein.

So geschehen im Fall des kontrovers diskutierten Herrn Sarrazin.

Nein, ich werde weiterhin keine Diskussion über die Inhalte seiner Thesen und Pamphlete aufmachen, es geht mir nur um eines – die Meinungsfreiheit.

Das Problem ist doch folgendes: Jeder in unserem Land hat die verfassungsrechtliche Garantie, seine Meinung frei und offen äußern zu dürfen. Wenn das jeder Hinz und Kunz tut, interessiert das in der Regel auch nur eine begrenzte andere Anzahl an Hinzen und Kunzen, und es bedarf schon einiges Aufwands, daraus eine ausreichend große Welle zu machen, dass eine größere Aufmerksamkeit auf diese konkrete Meinungsäußerung gelenkt wird. Grundsätzlich ist sowas ein Teil unserer Demokratie und soll so sein.

Anders, wenn der Meinungsäußerer ein hohes öffentliches Amt bekleidet. Dann hat er zwar prinzipiell das gleiche Recht wie der „Mann von der Straße“ (oder sagen wir, „Mensch von der Straße“ – das Ganze soll hier nicht auch noch zur Geschlechterdiskussion verkommen, immerhin ist 2010, nicht 1810), er hat aber gleichzeitig das Problem, dass er sowieso jobbedingt „im Rampenlicht“ steht, und wenn er Pech hat – und das hat man in solchen Positionen immer – schon die kleinste Geräuschabsonderung hanebüchene Folgen hat.

Verschärft wird die Sache dadurch, dass eine entsprechende Meinungsäußerung (selbst bei um den Hals gehängtem Schild mit der Aufschrift „das bin nur ich, nicht mein Arbeitgeber!“) allzu leicht auch mit dem Dienstherrn in Verbindung gebracht wird – und während Privatpersonen tun dürfen, was sie wollen, gilt das für öffentliche Einrichtungen noch lange nicht. Wenn man sich dann noch dem Verdacht ausgesetzt sehen muss, die Möglichkeiten seines Amtes für Zwecke der freien Meinungsäußerung ausgenutzt zu haben, wird es ganz übel. Vergessen wir nicht, dass wir in einem Land leben, wo der „Normalsterbliche“ schon für 1,8 Cent mit fristloser Kündigung bedroht wird!

Was also kann „man“ tun, wenn der Drang zur Äußerung einer gefühlt wichtigen persönlichen Meinung zu groß wird? Größe zeigen, und zunächst die potenziellen Konflikte ausräumen. Das wäre ein guter Anfang. Auch wenn das heißt, dass man einen gut dotierten Job aufgeben und Privatier werden muss – so haben auch manche wirklich Große angefangen und sich Respekt verschafft. Allzu langes Klammern an einem Amt und beharren darauf, dass beides nichts miteinander zu tun habe, richtet am Ende nur Flurschaden an.

In der Konsequenz könnte Herr Sarrazin, wenn ihm denn seine Partei wirklich etwas bedeutet, auch dieser einen Gefallen tun und ihr das leidige Ausschlussverfahren ersparen. Ich bin zwar selbst kein Parteimitglied, denke aber, dass die Arbeitsschritte „Parteibuch abgeben“ und „Dauerauftrag stornieren“ für jemanden wie ihn keinerlei intellektuelle Hürde darstellen dürften.

Saniert ist er durch seinen Bestseller vermutlich ohnehin, etwaige Folgeausgaben kann er also auch ohne Amtsbelastung produzieren – das eröffnet die Chance, dass diese fundierter recherchiert sind und es vielleicht etwas schwerer haben, sich beim Publikum zu etablieren. Dann wird es nämlich nicht mehr „das Buch vom Bundesbankvorstand“ sein, sondern nur „das Buch eines verärgerten Privatmanns“. Für solche Bücher und das Lesen derselben mag es Gründe geben, aber die Diskussion darüber wird dann hoffentlich sachlicher und auf einer ganz anderen Ebene geführt.

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