Verzählt?

Ich bin ja eigentlich ein Fan von Statistiken, und von Erhebungen schonmal grad besonders – war ich doch in den glorreichen Zeiten der Volkszählung 1987 selbst als Azubi in einer Erhebungsstelle eingesetzt.

Da sich ausserdem bei aller Datensammelwut selbst in unseren vermeintlich perfekten und deutsch-gründlichen Archiven eine Menge Karteileichen anzusammen belieben, war mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung (die 1987 noch niemand so nahe gesehen hätte) ein neuer Zensus mehr als überfällig. So weit so toll… – aber irgendwie war damals alles „besser“… oder?

1983 gab es ja schon einmal einen Anlauf für eine Volkszählung (allein der Name klingt aus heutiger Sicht schon ein wenig „gestrig angehaucht“, zumal ja nicht allein das „Volk“ gezählt wird), diese wurde schon damals wegen verschiedenster, z.T. berechtigter aber z.T. auch an den Haaren herbeigezogener Bedenken eingestampft. Übrigens mit dem amüsanten Nebeneffekt, dass die aus Kostengründen recycelten Bleistifte und Radiergummis mit 1983er Aufdruck vier Jahre später für manch irritierte Frage sorgten. Anekdoten halt.

1987 wurde jedenfalls eine ziemlich umfassende Befragung durchgeführt, was u.a. auch daran lag, dass der Abgleich der Melderegister, selbst wenn er vollumfänglich genehmigt worden wäre, technisch wohl kaum so einfach umsetzbar gewesen wäre wie das mit modernen Mitteln machbar ist. Hätte man damals jedoch auch noch vorgesehen, nur 10% der Bevölkerung zu befragen (und diese auch noch „zufällig“ auszuwählen), so wäre schon der Sinn, geschweige denn das Ergebnis der Zählung hochgradig in Zweifel gezogen worden. Und der Zweifler und Verweigerer gab es ja auch so schon genug.

Genau das aber wird nun gemacht – zum einen befragt man ein Zehntel der Einwohnerschaft auf Basis der vorliegenden und bekannt unsauberen Datenbestände, in der Hoffnung dadurch die Ungereimtheiten ausräumen zu können. Das würde schon bedingen, dass bei der zufälligen Auswahl auch zufällig genau der passende Prozentsatz an Karteileichen dabei ist, so dass man das halbwegs exakt hochrechnen kann. Die Wahrscheinlichkeit spricht dann doch eher dagegen, dass das klappt – mal ganz davon abgesehen dass das Ganze z.B. finanzielle Auswirkungen auf die beteiligten Kommunen haben wird, und solche, die dadurch Einbußen erleiden, sicherlich höchst intensiv an einer Widerlegung der hochgerechneten Daten arbeiten werden. Ich mag aber auch einfach nur zu schwarz sehen 😉

Witziger finde ich dann doch etwas anderes: Neben anderen Dingen sollen ja auch die Wohngebäude gezählt werden. Zufälligerweise gehören wir zu denjenigen, die nicht nur einen Eintrag im Grundbuch haben (ob einem die Hütte(n) auch aus Sicht der finanzierenden Banken gehören, interessiert den Zensus ja zum Glück ohnehin nicht) – und da nahm es mich doch leicht Wunder, dass am Ende genau ein großformatiger Umschlag mit genau einem Fragebogen in unserem Postkasten landete.

Vier Tage später konnte ich nicht umhin, die Strategen von „Information und Technik Nordrhein-Westfalen – Geschäftsbereich Statistik“ (Toller Name – „damals“ hieß das einfach „Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik“ und ganz kurz „LDS NW“) auf den Fehler ihrer Wege anzusprechen. Das Gespräch habe ich leider nicht genau aufgezeichnet, aber es war amüsant. Mein Ansprechpartner meinte auf meine Frage, wo denn wohl unsere anderen Fragebögen gelandet seien, das frage er sich auch so manches mal. Hmm. Na jedenfalls solle ich doch bitte abwarten, heute seien ja erst die letzten Bögen rausgegangen, und wenn wir z.B. ein Gebäude erst vor relativ kurzer Zeit erworben hätten (könnte in einem Fall zutreffen, wo es erst 14 Monate her ist – definieren Sie bitte „kurze Zeit“), so wäre es schon möglich, dass der Bogen noch an den früheren Eigentümer ging (ich glaube, wenn das wirklich geklappt hätte, hätten wir schon Besuch von der Nachbarin bekommen). Jedenfalls beginnt schon diese Sache Zweifel an der Vollständigkeit der zugrunde gelegten Daten zu nähren – und wenn sowas schon nicht klappt, dann haben wir datentechnisch vermutlich eine ganze Menge Kompost im Keller…

Jedenfalls ist das einzige Gebäude, für das wir befragt wurden, selbiges welches wir seit fast 15 Jahren bewohnen. Änderungen in den vergangenen 6 Jahren scheinen somit entweder unsauber abgeglichen worden zu sein, oder da hat jemand kräftigst gewürfelt. Normal ist das nicht. Dabei regt mich weniger auf, dass ich auskunftssüchtig wäre – die Fragebögen kann man online bearbeiten, aber es ist halt schon ein gewisser Aufwand. Das ist aber genau der Haken: Wenn schon so ein Riesenaufwasch gemacht wird, dann möchte ich das Vertrauen haben können, dass die Erfassung Sinn macht und am Ende ein brauchbares Ergebnis steht. Derzeit überwiegen vor allem an letzterem doch meine Zweifel.

Es ist natürlich nicht völlig auszuschließen, dass eine ganze Menge falsch adressierte Bögen herausgegangen ist, und eine mittelschwere Flut an Rückläufern zu viel Arbeit und korrigiertem Neuversand in einigen Wochen führen wird. Wäre das so, wäre das zwar nicht billig aber zumindest eine Chance, dass doch kein Murks produziert wird. Schön ist ja auch, dass Auskunftspflicht besteht – da sind wir aber mal gespannt, wer denn da gemahnt oder gar mit Bußgeld belegt wird… Briefkästen, insbesondere solche, die nicht existieren, haben gelegentlich eine vernichtende Zahlungsmoral…

Tja, schade eigentlich, was als gute Idee begann droht dann doch eher zu einer weiteren Anhäufung potenziell unbrauchbarer Daten zu verkommen. Dabei täte bei soviel Statistikmüll da draußen ein bereinigter Datenbestand mehr als Not… …aber wer weiß, es könnte sich auch herausstellen, dass wir besser dran sind wenn wir die ganze Wahrheit nicht kennen.

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